Wahlsystem in Deutschland



Wie wähle ich?

Die Zweitstimme zählt – diesen Slogan haben sicherlich die meisten schon mal gehört. Und dennoch weiß gerade mal die Hälfte der Bürger (in den neuen Bundesländern sogar weniger!) wie Wahlen in Deutschland funktionieren – erschreckend, meiner Meinung nach.

Am 22. September 2013 wird der 18. Deutsche Bundestag gewählt und damit ihr auch alle brav eure Stimme abgebt, hier eine kleine Nachhilfe zum Thema „Wie wähle ich?“

Ihr habt zwei Stimmen. Wie bereits angedeutet ist die zweite jedoch die entscheidende, was vielen Bürgern nicht klar zu sein scheint.
Mit der ersten Stimme wählt ihr euren Wahlkreisabgeordneten direkt in den Bundestag, über das sogenannte Direktmandat. Hier wird nach Mehrheitswahlrecht entschieden, das heißt, der Kandidat, der in einem Kreis die meisten Stimmen erhält, zieht direkt in den Bundestag ein, die Stimmen für die anderen Kandidaten gehen also praktisch verloren. Dieses System kennt der ein oder andere möglicherweise auch aus dem Englisch-Unterricht: Es findet im englischsprachigen Raum (USA, Canada, Groß-Britannien) als „First-Past-the-Post-System“ Gebrauch und stößt hier nicht selten auf Kritik.
Nun zur Zweitstimme: Mit dieser wählt ihr eine Partei. Das Entscheidende ist nun, dass hier das Verhältniswahlrecht gilt. Das bedeutet, jede Stimme zählt und die Gesamtzahl der gewonnen Wählerstimmen gibt die Stärke der Partei im Bundestag, also die Anzahl der Sitze, an.

Die Direktmandate, die eine Partei gewonnen hat, werden ihr auf diese Sitze angerechnet. Der Rest der Sitze wird dann über die Landeslisten der Parteien (auf diesen listen die Parteien weitere Kandidaten auf, die je nach Listenplatz dann als Abgeordnete in den Bundestag einziehen) aufgefüllt.
In der Praxis sieht das dann so aus: Von Partei A ziehen 20 Kandidaten über Direktmandate in den Bundestag ein. Nach abgegebenen Zweitstimmen stehen ihr jedoch 50 Sitze im Parlament zu. Daher kann sie noch 30 Sitze über die Landesliste besetzen.

Wenn eine Partei nun aber mehr Direktmandate erlangt, als sie Sitze über gewonnene Zweitstimmen erhalten hat, spricht man von Überhangmandaten: Dem Abgeordneten, der über ein Direktmandat in den Bundestag eingezogen ist, kann dieses nicht mehr entzogen werden. Somit hat die Partei mehr Sitze, als ihr eigentlich nach Zweitstimmenverteilung zustehen.
Damit das Verhältnis im Bundestag dennoch gleich bleibt, wurden kürzlich Ausgleichsmandate eingeführt, die Sitze einer Partei werden also entsprechend an die durch Überhangmandate gestiegene Größe des Bundestags angepasst.

Eine weitere Besonderheit unseres Wahlsystems, die noch zu nennen ist, ist die Sperrklausel: Eine Partei muss mindestens 3 Direktmandate bzw. mindestens 5% der Wählerstimmen erhalten, um in den Bundestag einziehen zu können. Erzielt eine Partei also beispielsweise kein Direktmandat und nur 3% der Stimmen, verfallen diese Stimmen praktisch.
Diese Prozenthürde wurde ursprünglich als Lehre aus der Weimarer Republik eingeführt: Das Parlament der Weimarer Republik, der Reichstag, war in so viele kleine Parteien zersplittert, dass die Entscheidungsfindung und Mehrheitsbildung sich entsprechend problematisch gestaltete.



So, ich hoffe ich konnte etwas Klarheit in unser doch etwas kompliziertes System bringen und möchte euch natürlich ermuntern, im September eurer Aufgabe als Bürger der Bundesrepublik Deutschland nachzukommen und ganz vorbildlich wählen zu gehen.
Denn unsere Demokratie stützt sich auf ihre Legitimation durch Wahlen, Wählen ist unsere wichtigste Partizipationsmöglichkeit und entgegen jeglichem weit verbreiteten Pessimismus bin ich immer noch ganz idealistisch und davon überzeugt, dass jede Stimme zählt! ;-)

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18 Responses to Wahlsystem in Deutschland

  1. Toller Post, ich denke es ist wirklich wichtig über das Wahlsystem aufzuklären, da manche unbedacht oder sogar gar nicht wählen!

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    1. wobei ich hier nicht weiß, was schlimmer ist: nicht wählen oder wählen ohne zu wissen, wen man tatsächlich wählt...

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  2. da ich politik im abi hatte, weiß ich gut, wie der hase läuft. aber du hast recht, die meisten wissen zu wenig. jährlich wird 10000x erklärt wie man sonnenschutz im urlaub richtig aufträgt, aber politik? nope. keine einweisungen in den nachrichten.

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    1. Da sieht man, wie die Prioritäten gesetzt werden... Hauptsache so wenig Bildung wie möglich!

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  3. wirklich toll - endlich mal jemand, der das aufgreift ! Vielleicht werden mal wieder einige dazu bewegt, sich zu informieren, oder überhaupt zu wählen :D
    Alles Liebe,
    Neele von http://royalcoeur.blogspot.de/ ♥

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  4. echt super erklärt, find ich gut, dass du das thema aufgreifst :)

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  5. Toll geschrieben - ich gehe auf jeden Fall wählen, gar keine Frage!
    LG

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  6. Toller Post, find es ebenfalls wichtig, dass man Bescheid weiß, wie unser Wahlsystem funktioniert!!

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  7. Gut das wir nicht bei den Amis sind, dort wird es noch "komplizierter".

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  8. Sehr gut erklärt... finde gut, dass mal jemand nicht nur über Outfits etc. postet, sondern seine Stimme für etwas Sinnvolles erhebt ;)

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  9. Hallo! :)
    ich habe deinen Blog durch einen Thred bei Kleiderkreisel entdeckt.
    Ich wollte dir mal Liebe Grüße dalassen, hast einen schönen Blog! :)

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  10. Interessant und trotz sehr guter Erklärung etwas kompliziert...
    Idealistisch bin ich aber nicht so... Die Demokratie ist von mehr Faktoren abhängig, als nur vom Wählen. DIe Industrie und WIrtschaftspolitik ist leider nicht wirklich beeinflussbar, denn die Entscheidungen der Banken etc. werden mit den Wählern nicht wirklich abgesprochen...
    lg
    Esra

    http://nachgesternistvormorgen.de/

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    1. In der Bundesrepublik Deutschland ist dieser Faktor sehr, sehr wichtig. Immerhin wird bei den Wahlen entschieden, wer reagiert und welches Parteiprogramm durch gesetzt wird. Und darum geht es bei der Demokratie ja: Das Volk entscheidet. Bei den Wahlen entscheidet das Volk, wie die Regierung der nächsten Jahre aussehen soll.

      Und Industrie ist sehr wohl beeinflussbar, da wir in einer Nachfrageorientierten Wirtschaft leben. Unser Konsumverhalten hat mehr Macht, als den meisten meistens bewusst ist :)

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  11. Tja, ich wähle gar nicht, weil mir keiner von den "Pappnasen" gefällt.

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    1. Sicher? Es gibt viele, verschiedene Parteien, die sehr unterschiedliche Meinungen vertreten.

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  12. Find ich ja nett, dass du das erklärst, aber jemand, der nich weiß, wie man wählt, ist tendenziell politisch uninteressiert und wird ohnehin nich wählen gehn - geschweige denn so'n langen Text dazu lesen :P Politikverdrossenheit wird auch immer mehr steigen, weil die großen Volksparteien sich immer mehr angleichen und nicht wirklich was vollbringen. Ich geh zwar wählen, aber ich hab längst den Glauben an die Effektivität davon verloren. Unsere Politiker können ja gern ihre Meinungen haben, is aber scheißegal, wird eh alles von der EU diktiert und muss befolgt werden...

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    1. Eigentlich bin ich deiner Meinung - aber ich möchte das nicht wahr haben :P Ich habe noch ein bisschen Hoffnung, dass nicht alles verloren ist. Deshalb versuchen wir Politik näher zu bringen. Und eben so einfach wie es nur geht :)

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